Hans Vredeman de Vries

Hans Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden
Ausstellung im Weserrenaissance-Museum vom 26. Mai bis zum 25. August 2002

Im Vorwort des zur Ausstellung erschienen Buches schreiben Vera Lüpkes, Direktorin des Weserrenaissance-Museum Schloß Brake und Paul Huvenne, Direktor des Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, hierzu (Auszug):

Hans Vredeman de Vries ist eine der einflußreichsten Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts in Nordeuropa. Wie bei keinem zweiten Künstler trugen seine graphischen Musterentwürfe zur Ausbreitung der Renaissanceornamente in der Architektur und den angewandten Künsten bei. Für die Anwendung der Zentralperspektive in der niederländischen Malerei ist sein Werk von herausragender Bedeutung. Seit dem 19. Jahrhundert finden sein Name und seine zahlreichen Werke in beinahe jeder kunsthistorischen Publikation Erwähnung, die sich mit Aspekten der nordeuropäischen Renaissancekultur befaßt. Was hingegen bislang fehlte, ist eine umfassende Darstellung seines beeindruckenden Gesamtwerkes. Es zeigt eine bemerkenswerte Vielfalt und einen außergewöhnlichen Erfindungsreichtum. Mit der Ausstellung und ihrer Begleitpublikation wird Hans Vredeman de Vries nun erstmalig der ihm gebührende Rang als einer der bedeutendsten Künstler der Renaissance in Nordeuropa eingeräumt. Es ist kein Zufall, wenn dies in Kooperation zwischen dem Weserrenaissance-Museum Schloß Brake und dem Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen geschieht. Sinnfällig zeichnen die beiden Ausstellungsorte Lemgo und Antwerpen zwei Stationen des künstlerischen Wirkens von Hans Vredeman de Vries nach. Es wurde geprägt von den Bedingungen der Kultur- und Handelsmetropole Antwerpen, die ihre Produkte in die ganze damals erschlossene Welt exportierte. Ein wichtiges Charakteristikum der Antwerpener Kunstproduktion liegt in der Professionalisierung des Druckgewerbes, dessen Exporte einen spezifisch nordeuropäischen Stil in den Künsten begründeten. Durch seine Tätigkeit im europäischen Exil verkörpert Hans Vredeman de Vries zugleich den kulturellen Austausch im Europa des 16. Jahrhundert. Der Weserraum war die erste Station nach seinem endgültigen Wegzug aus Antwerpen. Bis heute haben sich in dieser Region Bauwerke in außergewöhnlicher Dichte erhalten, die den Einfluß der Entwürfe und Vorlagen von Hans Vredeman de Vries zeigen.

Hans Vredeman de Vries, Lazarus vor dem Palast des Reichen

"Lazarus vor dem Palast des Reichen“ von Hans Vredeman de Vries (Öl auf Holz, 52 x 72,4 cm), von 1572. Hans Vredeman de Vires hat verschiedene Versionen des Bildes gemalt.

Heiner Borggrefe schreibt zu dem Bild im Katalog, der zur Ausstellung erschienen ist:

Das Gemälde wiederholt die Komposition und einige Motive des Amsterdamer Bildes, wirkt aber künstlerisch ausgereifter. Das Lazarus-Thema war nicht erst seit Coornherts Komödie vom reichen Mann eine zentrale Parabel für die christliche Kritik an Reichtum und aufwendigem Lebensstil der wohlhabenden Kaufleute. Den sinnenfreudigen Lustgarten der Renaissance kritisierten Erasmus von Rotterdam und Justus Lipsius als hedonistisch. In ähnlichem Sinne verwendet Vredeman die Motive Palast und Garten zur Charakterisierung einer hedonistischen Lebensweise. Der reiche Epulone kommt mit seiner Frau lustwandelnd aus dem Garten zurück. Ein Pfau auf der Balustrade markiert den Garten als Sinnbild der Vanitas und der Superbia. Ein angeketteter Affe an der Treppe ist ein Sinnbild der Unkeuschheit. Die negativen Tiersymbole, die sich in Vredemans Gärten häufiger finden, mögen dem Vorbild der sogenannten Granvellagärten gefolgt sein. Der Hinweis auf die prasserische Tafel des Reichen ist durch zwei Diener gegeben, die Speisen die Treppe hinauftragen. Unter der Säulenloggia steht ein Arzt, der ein Harnglas als Omen der baldigen Erkrankung des Reichen empor hält. Am Giebel der Säulenloggia prangt als Schadenszauber ein Kopf zur Abwehr des Neides, den der Reiche fürchtet. Der Mann auf der Treppe, vielleicht der Sohn des Reichen oder dessen Doppelung, ist gekleidet wie ein Adeliger und trägt einen Degen. Dies mag eine Kritik an der Standesüberhöhung sein, die sich manche reiche Bürger anmaßten. Mit den knappen figürlichen Anspielungen hat Vredeman es verstanden, Palast und Garten als die augenfälligsten Symbole des Reichtums in das Thema einzufügen.


Zu der Ausstellung ist ein ausführlicher Katalog erschienen:
Hans Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden
Herausgegeben von Heiner Borggrefe, Vera Lüpkes, Paul Huvenne, Ben van Beneden
Hirmer-Verlag München 2002, 399 Seiten, gebunden