Toshifumi Hirose
Stipendiat 2001 - 2002

Text von Veronica C. P. Bender, der im Katalog "Roundage“ zur Abschlußausstellung des Stipendiums erschienen ist:

Innen und Außen

Toshifumi Hiroses Werke bergen etwas Unsichtbares in ihrem Innern. Es sorgt als Gestaltungskraft für die Entstehung von Formen, vermag Flächen in Bilder zu verwandeln und Material zu Gebilden aufzutürmen. In der Form und durch die Form gibt es sich schließlich als Idee zu erkennen. Das, was dem Kunstwerk Leben einhaucht - die Inspiration, die Eingebung, der Gedanke - bestimmt aber nicht nur das Wesen einer jeden Arbeit, es ist (bezüglich des Vorganges, Kunst hervorzubringen) das Wesentliche überhaupt, so Toshifumi Hirose.

Der Gedanke initiiert den künstlerischen Schaffensprozeß, begleitet ihn und findet sich am Ende sichtbar und greifbar im Kunstgegenstand wieder. Wahl und Verwendung bestimmter Materialien, Techniken und Farben hängen von ihm ab. Für Hirose ist die Suche nach Ausdrucksmitteln daher stets dem geistigen Einfall untergeordnet. Der Einfall ist die "Seele" eines jeden Kunstwerks, die Form ist sein "Körper", beides aber geht als Einheit aus der Verbindung zwischen Künstler und Welt hervor. Die Kunst lebt von dieser Auseinandersetzung des Individuums mit allem, was ihn umgibt. So findet, was in der Welt bereits vorhanden, zu einer neuen Daseinsform.

Mombachstraße, Skulptur
Foto Toshifumi Hirose
Mombachstraße, Detail der Skulptur
Foto Toshifumi Hirose
Mombachstraße, Bleistiftzeichnung
Foto Toshifumi Hirose
Mombachstraße, Bleistift- und Tuschzeichnung (Detail)
Foto Toshifumi Hirose

Vielfalt

Toshifumi Hirose vermeidet es, sich auf ein einziges Medium festzulegen. Neben puzzleartigen Skulpturen versammelt die Ausstellung Roundage u.a. Zeichnungen, photographische Arbeiten und als Stickereien realisierte "Gemälde“. Solche und ähnliche Grenzüberschreitungen bei der Verwendung gestalterischer Mittel und Techniken sind charakteristisch für das Kunstschaffen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, und auch in Zukunft sind mit Sicherheit noch viele Impulse von diesem "Cross-over“ verschiedenster Verfahren und Gestaltungsmittel für die bildende Kunst zu erwarten.

Die Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten und -formen läßt sich als Verweis auf die Komplexität der Welt und auf die mannigfachen Spielarten, die in der Natur vorkommen, interpretieren. Formen begegnen uns in der Welt in schier unendlicher Fülle. Wir erkennen darin den Wandel und die Wandelbarkeit allen Seins. Letzteres spielt auch für Toshifumi eine Rolle, insofern er oft die Flüchtigkeit von Formen andeutet: etwa durch "wandelbare“ Kunstwerke, die auseinander- oder umgebaut werden können und sich sogar durch eine vollständige Desintegration der einzelnen Bestandteile in nichts auflösen lassen.

Vielfalt in technischer Hinsicht stellt für den jungen Künstler indessen vor allem eine Erweiterung der Mittel dar, die er zur Umsetzung seiner Ideen benötigt. Wichtig ist ihm die Wirkung oder Stimmung, die von der jeweiligen Realisation eines bestimmten Einfalles ausgeht, nicht jedoch die Einteilung von Kunst in unterschiedliche Sparten wie beispielsweise die der Malerei, der Photographie, der Videokunst oder der Bildhauerei. Die Erkundung neuer Ausdrucksformen dient nicht zuletzt auch der Erweiterung seiner Fähigkeiten. In erster Linie ist sie jedoch das Resultat jener Suche, die - begleitet von Neugier, Freude und Spannung - die Ideen hervorbringt und damit allem anderen vorangeht.

Motive

Die Motive für seine Arbeiten entnimmt der junge Künstler vorrangig der urbanen Umgebung, in der er sich bewegt. Dabei erweisen sich Architektur und in ihr der Mensch als bevorzugte Sujets. Diese Vorliebe hat mit dem Abbilden von Realität zu tun, geht aber zugleich weit darüber hinaus. Bei der Auswahl der Motive wird zwar der Bezug zur Wirklichkeit gewahrt, doch stellt das Kunstwerk eine eigene Welt dar, die Toshifumi Hirose in Einzelteile aufspaltet und aus Einzelteilen wieder zusammensetzt. Ein harmonisches Gefüge einzelner Elemente entsteht. Sei es nun der Mensch in seiner architektonischen Umgebung oder die wie Puzzleteile anmutenden Segmente Hiroses farbenfroher Skulpturen - das Einzelne erscheint immer in einem größeren Zusammenhang eingebunden, behauptet sich zugleich aber auch als autonomes Element. Wir spüren das deutlich beim Betrachten der Photoserie Life, die mit einem Augenzwinkern das bizarre Eigenleben einer herrenlosen Hose dokumentiert. Das Verhältnis von Autonomie und Harmonie zeigt sich aber auch in der Art und Weise, wie Toshifumi Hirose in seinen segmentierten Skulpturen gegenständliche Motive mit abstrakten und durch Farbe hervorgehobenen Formen zu verbinden weiß. Abstraktes und Gegenständliches behaupten sich in einem Mit- und Nebeneinander und gelangen im Kunstwerk zu einer Synthese, bei der die einzelnen Gegebenheiten erhalten bleiben, trotzdem aber noch Einfluß aufeinander nehmen.

roundage, Ansicht der Skulptur von oben
Foto Ulrich Heinemann
  roundage, Ansicht der Skulptur
Foto Toshifumi Hirose
roundage, Detail der Skulptur
Foto Toshifumi Hirose
  roundage, Detail der Skulptur
Foto Toshifumi Hirose

Kommunikation

Die Stadt vor allem als ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, ist eine Umgebung, in der Toshifumi Hirose sich heimisch fühlt. Gerne pflegt er den Umgang mit seinen Zeitgenossen, sucht - nicht zuletzt über seine Kunst - den Kontakt zu ihnen. In der Kunst erblickt Toshifumi Hirose ein Verständigungsmittel. Durch sie vermag er anderen Menschen etwas über die Welt zu erzählen, in der er und in der auch sie sich bewegen. Auffällig ist die vorwiegend freundliche Wirkung der Arbeiten, die sich aus der Wahl der Motive und der formalen wie inhaltlichen Realisation der künstlerischen Ideen ergibt.

Oft wird dem Betrachter die Möglichkeit geboten, sich spielerisch - und damit interaktiv - mit den Kunstwerken Hiroses zu befassen. Ein Kunstwerk wie Mombachstraße legt es darauf an, beim Betrachter Erinnerungen an die eigenen Erfahrungen mit Suchbildern, Puzzles oder dem Spiel mit Bausteinen auszulösen. Es lassen sich Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen dieses stufenweise angelegten Werkes herstellen, Verbindungen auch zur äußeren Realität, die hier wiedergegeben wird und durch das Kunstwerk eine ästhetische Steigerung erfährt.

Ordnung und Chaos

Ein jeder Gegenstand kann sich unserem Auge entweder als ungeordnet und unübersichtlich oder aber als strukturiert und organisiert darstellen, je nachdem, welchen "Standpunkt" er in einem Gefüge und wir zu ihm einnehmen. Betrachtet man beispielsweise die Zeichnungen und Stickereien Toshifumi Hiroses aus nächster Nähe, so ist nur ein Wirrwarr an Linien, ist nur Schraffur in scheinbar willkürlicher Anordnung zu erkennen. Mit zunehmendem Abstand schwindet allmählich der Eindruck verworrener Verhältnisse, kann sich das Spiel aus Licht und Schatten entfalten, und aus dem Chaos kristallisiert sich das Sinnfällige heraus. Dasselbe Prinzip wiederholt sich in Toshifumi Hiroses segmentierten Skulpturen auf mehreren Ebenen. Diese Arbeiten kaschieren durch ihre abstrakte Erscheinung zunächst das Gegenständliche, geben es jedoch alsbald im Querschnitt wieder preis. Zusätzlich sorgt die Unterteilung der Motive in geometrische Formen unterschiedlicher Farbgebung für eine Verfremdung der Ausgangsmotive und läßt diese zurücktreten. Das Puzzleartige aber versinnbildlicht am besten das Verhältnis von Chaos und Ordnung, von Versteckspiel und Enthüllung. Vor allem durch die Skulptur-Puzzles mag sich der Betrachter daran erinnert fühlen, daß jedes Bild, das wir uns von der Welt machen, ein aus Teilen zusammengesetztes ist, und daß Sinn sich immer erst durch das Hervorbringen von Ordnungen entfaltet.


Biografie

1971 geboren in Gifu, Japan
  Studium an der Tokyo National University of Fine Arts und Music
  Aufbaustudium an der Kunsthochschule Kassel

Ausstellungen

1992 Galerie Geijyutsudo, Tokyo 
1994 Abschlußausstellung, Tokyo
1995 lkeda Skulptur Symposium, Gifu
1995 Kiyomimura Art Festival, Gifu
1998 "Erdachte Landschaften", Galerie Flux, Kassel
1998 "Neben der Gegenwart", Willi-Seidel-Haus, Kassel
1998 "das künstlerfest 98", Kulturbahnhof Kassel, Kassel
2000 "Yellow", DOCK4, Kassel
2000 "Unterwegs mit dem NKK", Neuer Kasseler Kunstverein, Kassel 2000 "Begegnung", Dorfkirche Gammelin, Gammelin (Mecklenburg)
2000 "Wettbewerbsausstellung", Historische Maschinenhalle der Stadtwerke Lemgo
2001 "frequences", Karl-Branner-Halle, Kasseler Rathaus, Kassel
2001 Ausstellung im Optikhaus Berndt Hülsmann, Lemgo