Sonja Meyer
Stipendiatin 2005 - 2006

Sonja Meyer ist Bildhauerin und Malerin. In der Zeit des Stipendiums hat sie sich mit Rauminstallationen, dem Verändern von Räumen und die dadurch entstehenden Wirkungen auf Besucher befaßt. Der folgende Text von Michael Kröger ist dem Katalog entnommen, welcher zur Abschlußausstellung des Stipendiums 2006 entstanden ist:

Präzise Unbestimmtheit
Formen und Abformungen im Werk von Sonja Meyer

Die Bildhauerin Sonja Meyer kreiert in ihren Installationen auf subtile Art und Weise Spiele zwischen architektonischen Situationen und räumlichen Strukturen. In Abgrenzung von minimalistischen Traditionen etwa Daniel Burens, ihren Lehrers an der Düsseldorfer Akademie, realisiert sie eigenständige Formulierungen zwischen Architektur und Skulptur, wobei sie besonders auch die sozialen, kulturellen und psychologischen Aspekte der Raumkontexte mitberücksichtigt. Ausgehend von den grundlegenden räumlichen Variablen wie Höhe, Tiefe, Länge gelingt es Sonja Meyer in ihren Raumkonstellationen Zwischenräume und Positionen im Raum zu markieren, die gleichzeitig als komplexe räumliche Form und als gleichsam indirekte architektonische Strukturierung von Raumwahrnehmung gedacht und wahrgenommen werden kann. Die Unbestimmtheit, mit der die Künstlerin in ihren Bezugsräumen agiert, wird hierbei mit einer Präzision konfrontiert, die sich aus den Markierungen von Positionierungen im Raum ergeben, anhand derer die Betrachter ihrerseits ihre Seherfahrungen realisieren können. Kunst ist Luft von einem anderen Planeten (Jan Assmann); Sonja Meyer versucht diesem Anderen konkreten Raum zu geben.

Bezeichnenderweise arbeitet Sonja Meyer gerne mit „Negativabformungen“, reformulierten Formen von vorhandenen Strukturen im Raum. Es entstehen so transitive Formzusammenhänge und/oder architektonische Gegebenheiten, die entweder durch industriell hergestellte Elemente (Industriewinkel), konkrete raumspezifische Situationen oder archetypische Muster (Haus) vorgegeben und dann von der Künstlerin spezifisch nachbearbeitet sind. Die dabei entstehenden „leeren“ Formen spielen indirekt mit der Reflexion von wahrnehmbar gemachter Leere. Die negative, markierte Formulierung eines Raumes, ihre Aussparung, kreiert eine fiktiv-unsichtbare, ja unberührbare Räumlichkeit. So wie Betrachter zunächst nicht eine gesamte Raumsituation in einer Architektur erfassen und Wesentliches nicht bemerken, so arbeitet Sonja Meyer ebenso mit Wahrnehmungen von Räumen, die durch die Blicke des Betrachters eigenartig unberührt geblieben sind.

Einerseits betonen die Prozesse des Transformierens von Raumsituationen ihren autonomen Charakter, andererseits vermitteln die von ihr behandelten und hergestellten Oberflächen immer auch noch etwas von ihrem Gemachtwordensein und der Geschichte ihrer individuellen Bearbeitung.

Hausmodell, Maßstab 1:10,
Stein- und Dachziegel einzeln modelliert und gebrannt

Foto Sonja Meyer

Häufig orientiert sich Sonja Meyers Verwendung von architektonischen Formen an den Spuren von Geschichte, die in den individuell gefertigten und handwerklich produzierten Elementen, wie etwas dem Klinkerstein, einen Ästhetischen Kommentar zur industriell geprägten Minimal-Ästhetik formuliert. Das kleine Modell aus Klinkersteinen verkörpert für sie keine neutrale Architektur, sondern eine räumlich-soziale „Gesellschaftsform“ (Sonja Meyer), die, in einer bestimmten historischen, kulturellen und psychologischen Tradition entstanden, jetzt auf einen neuen „Gesellschaftsraum“ zwischen Architektur und Skulptur verweist. Indem sie mit 900 handgefertigten Steinen drei Blöcke formt und daneben ein Hausmodell im Maßstab 1:10 präsentiert, stellt sie nicht nur eine Frage der Beziehung zwischen Modell und Wirklichkeit, sondern formuliert zugleich die Frage, wie der Betrachter Wirklichkeiten erzeugt, indem er unterschiedliche Maßstäbe als Ausgangspunkt für Veränderungen benutzt, die Transformationen in Elementen neuer Gestaltungen transformiert und so den Prozeß einer sichtbaren Bearbeitung von Material in einen unsichtbaren Prozeß des Transformierens selbst verschiebt. Anders als ihr Lehrer Daniel Burens, der bekanntlich mit einem festen Standardmodul (den 8,7 cm breiten Streifen) arbeitet, macht Sonja Meyer hier darauf aufmerksam, wie sich räumlich-konzeptionelle Interventionen mit psychologisch-kulturellen Dimensionen verbinden; ein Ansatz, der sich von minimalistischen Traditionen in pointierter Weise abhebt.

900 Steine, einzeln modelliert und gebrannt
Foto Sonja Meyer

Die im Video „raum“ von den einzelnen Personen formulierten und vielfach wiederholten Worte „Raum geben“ lassen sich ebenso als Versuch verstehen, Zwischenräume zwischen Architektur und Artikulationen von Räumlichkeiten zu finden. Während man sich auf die Person konzentriert, die wieder und wieder „Raum geben“ artikuliert, sieht man auch, wie man dem Versuch zusieht, im Raum der Imagination einen Raum zu markieren. Der artikulierte Raum des Wortes überschneidet sich mit der unsichtbaren Architektur, die die Worte der Sprechenden bilden. Formen erscheinen als Gebilde, in denen Formulierungen sichtbar gemacht werden.

Alle Arbeiten Sonja Meyers reflektieren ihr aktuelles Gemachtwerden in räumlicher, materialästhetischer und kontextueller Beziehung. Insofern sind es keine spezifischen Objekte die Sonja Meyer kreiert, sondern eher spezifische Prozesse, anhand derer der Betrachter seine Position zwischen Raum und Realisation positionieren kann. Ihre Arbeiten markieren Umformungen zwischen bereits unterschiedenen und dadurch unsichtbar gewordenen Formen. Diese ergeben sich aus dem jeweiligen räumlichen Ursprungskontext und den Prozessen, mit denen die Künstlerin in die Raumkontexte intervenierte und an dessen Form gewordenen Umformungen die Betrachter die Veränderungen wahrnehmen können, die durch die Interventionen hervorgerufen wurden.

Raumkubik, Stangen aus Gips, gegossen, geweißt, poliert
Foto Maas

Biografie

1970 geboren in Oldenburg
1996 - 2000 Studium der Bilhauerei an der Hochschule für Künste Bremen bei Yuji Takeoka
2000 - 2004 Studium der Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Daniel Buren
2004 Akademiebrief
Meisterschülerin von Prof. Daniel Buren

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

1997 "schwebende Lasten", Lichthaus Bremen
2000 boomerang art project, "saw you",  Kyoto Art Center, Japan
2001 "talking, working, eating, sleeping, disputing..." Gesellschaft für aktuelle Kunst, GAK Bremen
2001 "Kunsttransport M 1:1" (gemeinsam mit M. Lehmann und C. Hinsch)
Neues Museum Weserburg, Bremen
2003 "vier Raumpositionen", workroom Aldenhof Jewellers, Düsseldorf
2004 "eingefügt", temporärer Ausstellungsraum, Düsseldorf
2005 "Im Volumen glaube ich an Gegengewicht", Kunstraum Düsseldorf Ich bin der Raum wo ich bin, Atelierausstellung Lemgo Egoileak Residentes 2005. Bilbao Arte, Bilbao, Spanien