Insook Ju
Stipendiatin 1999 - 2000

Text von Susanne Schulte (Auszüge) aus dem Katalog zur Abschlußausstellung:

Vom Wahren des Gesichts. Ein Versuch

Aktzeichnungen, Studien des weiblichen Körpers am fremden Modell, waren das Vorspiel. Akademisch gekonnt bildete Insook Ju die bekannten Vorgaben ab. Ihr Strich objektivierte, reproduzierte naturgetreu das, was alle sahen, im Schwarz-Weiß von Kohle auf Karton. Ein Äußeres, gleichwohl intimes, nackt, doch gesichtslos und in Pose, war traditionell ins Bild gesetzt. Das soziale Gebot der Heimat, das Innere, Eigene zu verbergen, wirkt fort in der Konventionalität: im Naturalismus der Darstellung wie in der Inszenierung des Motivs in männlicher Sicht und in der künstlerischen Technik selbst. Vorschriftsmäßig wahrt die junge Frau aus dem konservativen Elternhaus in Südkorea das Gesicht mit den Akten, die sie kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland gezeichnet hat.

Die Künstlerin Insook Ju beginnt mit der "Symphonie der Liebe" (1991). Hier sprengt das existentielle Thema - die Kunststudentin hat mittlerweile den Kommilitonen Sukyun Yang geheiratet - die traditionellen Formen der Malerei und des Bildes. Die anerzogenen Normen der Äußerung sind außer Kraft. Als einen Ausbruch nach innen, ins Selbst möchte ich Insook Jus "Symphonie" nun lesen und als ein Schlüsselwerk, in dem das Thema der Identität, das nachfolgend ihre Arbeit leitet, grundgelegt wird.

WOHLBETÜTETES GLÜCK?
Foto Sangheok Park

"Ich suche etwas anderes, immer suche ich", sagt Insook Ju, und noch einmal: "Meine Arbeiten sind mein Leben." Ihre Kunst ist ihr eigener Weg in ihr Ich, der sein Ziel nicht erreicht, in Bildern nur Halt macht. Die Grundstruktur der Arbeiten ist die Metapher, das "Doppelbild", was dem Offenen der Identität genau entspricht. Sowenig wie die Metapher fixierbar auf eine Bedeutung, so unabgeschlossen ist das lebendige Ich - ist Insook Ju, die eben in ihr, in der Kunst, als Insook Ju nur lebendig ist. Die gängigen Bestimmungen des Alltags und der Kunst löst sie auf, der Schuhe, des Bodys, der Nahrungsmittel- und Hausmaschinenverpackungen, der Löffel "Löffel" (1996), sowie der Luftballons – "Das Schwergewicht der 12000 roten Luftballons" (1997) arbeitet mit den Relikten einer Installation Sukyun Yangs im münsterschen Wewerka Pavillon - etwa und der Plastikbecher - in der "Plastikglassäule" (1999) verwendet Insook Ju Tausende von Plastikbechern einer abgebauten Installation von Ursula Neugebauer im selben Pavillon. Das Ich ist in der Kunst recyclebar wie Signifikanten im Sprechen, wie jedes Wort als Metapher, in "uneigentlicher Rede": Eine Frau bestimmt sich anders, als Künstlerin selbst. Insook Ju hat "das Gesicht verloren". ein "wahres" findet sie nicht; die gängigen Gesichter sind leer, Masken stillgestellter Leben, "verwirklichter Identität". "Ich suche etwas anderes": als Suchende zeigt ihre Kunst lnsook Ju. Ihre Arbeiten haben als ganze Gesicht und als ihre Gesichter: "immer suche ich".


Biografie

1966 geboren in Seoul (Korea)
1987 - 1989 Studium Visual Design am Hong-Ik College, Seoul
1989 Förderpreis des New Art Festival, Seoul
1990 Studium an der Kunstakademie Münster bei Prof. Jochen Zellmann und Prof. Paul Isenrath
1996 Meisterschülerin
1998 Europastipendium für Stockholm der Kunstakademie Münster
1999 - 2000 Stipendium Junge Kunst der Alten Hansestadt Lemgo


Einzelausstellungen

1993 "Eine Wohnung", Wewerka-Pavillon, Münster (Katalog)
1996 "Atelier Porte Ouverte" mit Sukyun Yang, Cité internationale des Arts, Paris
1998 "Genießen", cuba, Münster (Katalog)
  "Autoreverse" mit Sukyun Yang, Kungliga Konsthögskolan Stockholm (CD)
1999 "Augen", Optik Saabe, Münster (CD)
2000 "Yang - Ju - Bang" mit Sukyun Yang, Schmiedeamtshaus, Lemgo (CD)
  "Vom Wahren des Gesichts", Städtische Galerie Haus Eichenmüller, Lemgo (Katalog)
GENIESSEN 1
Foto Matthias Ibeler