Picasso um 1905

Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle vom 28. Februar 1999 bis zum 2. Mai 1999.

 

Text von Dr. Thomas Kellein aus dem Katalog zur Ausstellung:

Picasso um 1905 – in memoriam Ulrich Weisner

Nach einer Reihe vielbeachteter Bielefelder Ausstellungen zum Thema Picasso in den Jahren 1979-1993 - Zeichnungen und Collagen
des Kubismus, Picasso - Todesthemen, Picassos Klassizismus. Werke 1914 - 1934, Picassos Surrealismus. Werke 1925 -1937 und Picasso. Letzte Bilder. Werke 1966-1972 ist die Kunsthalle ab 1999 in der glücklichen Lage, den Jahrhundertkünstler mit zwei frühen Werken auch in der Sammlung zu zeigen. Dank der STAFF STIFTUNG in Lemgo ist es gelungen, einen vorzüglichen Guß des 1905 in Wachs geformten Narrenkopfs aus der Sammlung von Henri Petiet, Paris, zu erwerben. Dazu kommt ein bislang nie gerahmtes, anscheinend früh zusammengestelltes Exemplar der Suite des Saltimbanques von 1904/05 mit Drucken, die frei von jeglichen Gebrauchsspuren sind.

Pablo Picasso, Tete de fou

Mit beiden Werken betritt der frühe Pablo Picasso (1881-1973) ein Haus, das bislang gänzlich dem 20. Jahrhundert gewidmet ist. Die Stadt Bielefeld hat ihre Sammlung moderner Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg mit Schenkungen des Unternehmens Dr. August Oetker begründet. Rodin, Corinth und Nolde standen am Anfang, Max Beckmann folgte aus eigenen Mitteln 1955, und in den sechziger Jahren gelangten in regelmäßiger Folge Bilder des deutschen Expressionismus aus dem Umkreis des Bauhauses sowie in einigen herausragenden Beispielen auch internationale Skulpturen in den Kunsthallenbesitz. Neben Robert und Sonja Delaunay war die französische Moderne hier jedoch eher spärlich vertreten. Picassos Skulptur von 1905 wird sich so neben Rodins La douleur (vor 1904) und Le penseur, (1902/03; Edition 1967/68), neben Henri Laurens' Lo quitare (1920) und Le matin (1944) sowie den plastischen Werken von Archipenko, Gaudier-Brzeska, González und Lipchitz gut behaupten und den Grundstock der Sammlung ausdrücklich akzentuieren. Auch die Folge von 14 Radierungen und Kaltnadelarbeiten mit dem Titel Suite des Saltimbanques ergänzt und erweitert die Bestände von Zeichnungen und Graphik beträchtlich.

Pablo Picasso, Le repas frugal

Motivisch bedeuteten die Clowns, Harlekine und Pierrots für Picasso vor allem Eintrittsfiguren in die zeitgenössischen Bildwelten von Barcelona und Paris. Schon 1899 griff er mit einem Plakat, das dem kommenden Jahrhundert gewidmet war, auf diesen Topos zurück, und ab 1904 bahnte sich der Gebrauch des Gauklers und der Komödianten als Alter ego an. Aufgrund der einprägsamen Szenen, die er mit diesen Figuren komponierte, wurden seine Werke früh bekannt und früh gekauft. Immer wieder ist in den Monographien herausgearbeitet worden, daß und wie sehr sich Picasso von der Gauklerfamilie aus dem Jahr 1905 bis zum Bühnenvorhang für die Aufführungen von Jean Cocteaus Parade von 1917 ein autobiographisches Familien- und Freundesdrama erarbeitet hatte: die anfangs zarte, dann bestimmte und ab 1905 dutzend -, ja hundertfache Verwendung von Gauklern, Akrobaten und Komödianten hat alle vergleichbaren künstlerischen Darstellungen zu diesem Thema seit dem frühen 18. Jahrhundert überflügelt. Das kunstliebende Publikum glaubte seit dem Ersten Weltkrieg vielfach sogar, Picasso sei der Erfinder dieser Thematik gewesen, die den Gaukler zu einem Prototypen des Künstlers hat werden lassen.

Die Harlekine in Rautenkostümen entstammen der Commedia dell'arte, die Gaukler in rosa Anzügen den Pariser Jahrmärkten, die Narren mit Glocken am Hemdsaum kamen seit dem Ende ihrer höfischen Anstellung tatsächlich auf der Straße vor. Es war Picasso, der sie alle, ob Zirkusclown oder Schauspieler im Pierrotkostüm, ob liebevoll sorgender Familienvater oder gestrauchelte, dem Alkohol verfallene Existenz, in eine Welt hineinnahm, die er ab 1904 mit Zeichnungen, den ersten Radierungen und schließlich dem großen Gaukler-Bild in Washington D.C. erdichtete. Wie Antoine Watteau siedelte er seine Komödianten im Außenraum an, wie bei Thomas Couture verlieh er ihnen ein pathetisch-elegisches Gepräge, Honoré Daumier vergleichbar gab er ihnen schelmische, bisweilen maliziöse Züge, Henri Rousseau entlehnte er die Märchenhaftigkeit vieler Szenen, und von Paul Cézanne, dessen Mardi gras von 1888 er in seiner eigenen Galerie, bei Ambroise Vollard, gesehen hatte, übernahm er das scharfe Formbewußtsein. Tête de fou und La Suite des Saltimbanques gehören zu den frühesten und eindrucksvollsten Zeugnissen, wie Picasso den Menschen über alte Parabeln und ständig wechselnde Choreographien darzustellen vermochte. Die Metapher des unverstandenen, erfolglosen Künstlers hat niemand wie er dabei am Ende zu gesellschaftlicher Anerkennung geführt.

Pablo Picasso, Tete de femme, Madeleine